Ein Funken Wärme

 

Der Wind pfiff durch die Gassen, ein dünnes, scharfes Messer, das selbst durch meinen dicksten Mantel drang. Ich saß auf der kalten Stufe der Heiliggeistkirche, die Hände in den Taschen, und merkte, wie mein Atem immer flacher wurde. Kälte lässt ihn schrumpfen, dachte ich, zieht ihn zusammen wie ein verängstigtes Tier. Ich wartete auf eine Freundin – zu früh, wie immer – und spürte, wie Ungeduld und Frost sich in meiner Brust miteinander verflochten.

Menschen strömten vorbei, ein schneller Strom aus Schritten, Tüten, Atemwolken. Jedes Mal, wenn sich die Kirchentür öffnete, wehte ein ferner Schwall von Musik hinaus. Ich hätte hineingehen können. Doch ich blieb draußen, wie festgefroren, als hielte mich etwas zurück. Vielleicht wollte ich einfach nicht verpassen, wenn sie kommt. Vielleicht war ich selbst ein bisschen wie mein Atem: angespannt, wartend, klein.

Da legte sich plötzlich eine leichte Hand auf meinen Kopf.

Mein Atem hielt inne, überrascht blickte ich auf und sah eine alte Frau vor mir stehen, klein, mit weissem Haar, eingehüllt in einen schweren Mantel. Ihre Augen waren warm und offen, so klar, dass ich mich entspannte. Ich spürte, wie sich in mir ein tiefer Atemzug löste.

„Mein Kind“, sagte sie, und ihre Stimme legte sich wie Wärme über meine Schultern, „möge das Glück dich finden.“

Sie strich mir noch einmal über den Kopf. Für einen Moment schien alles still zu werden – kein Vorbeihasten, kein Lärm, nur dieser eine Zwischenraum: ihr Blick, mein Atem, ein Funken Wärme.

Dann ging sie weiter, leichten Schritts, als hätte sie sich selbst verjüngt. 

Ich blieb sitzen. Ich atmete frei. Tiefer. Weiter. Mir war, als würde die Kälte draußen nicht mehr ins Innere dringen können. In mir breitete sich ein warmes Glühen aus, mitten in meiner Brust.

Vielleicht dachte die Frau, ich sei obdachlos. Vielleicht erinnerte ich sie an jemanden. Ich werde es nie wissen. Aber ich ahnte: In diesem Moment sah sie etwas in mir, was ich selbst übergangen hatte.

Als meine Freundin um die Ecke kam, stand ich auf. Wir schlenderten drauflos, ins weihnachtliche Treiben.

Die kurze Begegnung ist mir geblieben. Sie war wie ein Türchen, das sich öffnet. Oft bleibe ich seither stehen, mitten in meinem Alltag, und halte kurz inne. Ich spüre eine leichte Berührung auf meinem Kopf. Diese eine Geste, so klein, dass sie beinahe nicht hätte geschehen müssen, hat mich verwandelt. Ein Funken glomm auf, mitten im winterkalten Tag.

Manchmal beginnt Advent genauso: in einer Berührung, die mich meint, die das Herz erinnert, wie warm die Welt sein kann. Ein kleines Glück taucht auf, ein Atemzug.

Valentina Dsora, 1. Advent 2025


Es ist ganz leicht, sagte sie. Du kannst Dich unter der Bettdecke verkriechen und Dich verpuppen. So wie die Seidenraupen. Das Bett war ihr Lieblingsort geworden, die Welt, in der sie sich seit vier Jahren aufhielt. Manchmal träumt sie noch vom Wald und kann ihn riechen. Doch meist ist es einfacher, gar nichts zu träumen. Das Leichte nur zuzulassen: sie verpuppt sich. Fast wirkt sie vergnügt. Sie hat die Langsamkeit kennengelernt, mit welcher eine Geburt vor sich geht, und auch der Tod, wenn er sich anschleicht. Einmal, denkt sie, ja, einmal werde ich unsichtbar werden. Einfach ausschlüpfen. Und fliegen. Ganz am Anfang ihrer Metamorphose konnte sie nicht ahnen, wie es sein wird, unsichtbar wieder geboren zu werden, und wie lange es dauern könnte.

 

Aus: Romanprojekt "Unsichtbar" © Valentina Dsora


Hugo sammelt

Seine Leben führte ihn in viele Länder und viele Male ist er umgezogen. Steine, Muscheln, Schallplatten, Schwemmholz und Worte. Früher die Briefmarken, alte Münzen. Was Hugo sammelt, hütet er wie seinen Augapfel. Die Steine türmen sich in allen Farben. Eine große weiße Muschel aus seiner Kindheit riecht noch immer nach Salz und ihr Innenohr glänzt rosa. Hugos Finger tasten über die rauhe Oberfläche. Schwer ist sie. Unzählige Male hat er sie in Zeitungspapier eingewickelt. In eine Kiste gepackt, ausgewickelt, neu platziert, wie auch all die andern Dinge aus aller Welt.
 

Seit Hugo erkrankt ist, sammelt er vor allem Atemzüge. Seine Sammelwut und die Begeisterung für alle die liebgewonnenen Erinnerungen an ein früheres Leben ist gedämpft.

Hugo liegt an guten Tagen gerne auf dem Sofa. Es ist still. Das Licht verbirgt sich hinter den Gardinen an den Fenstern. So mag er es am liebsten. Sogar Licht sammeln ist schwer geworden.

Einatmen, ausatmen, warten. Einatmen, ausatmen, warten. Atmen kann er am besten ganz leise und flach. Einatmen heisst, gegen die Angst anzukommen, es könnte zu viel Regung sein. Ausatmen bedeutet möglichst sparsam Kraft loszulassen. Warten dazwischen: sich erholen von beidem. 

Was mache ich nur mit all der Zeit, das fragte er sich zu Beginn noch oft. Sie hat ihn eingenommen, einfach so, diese unberechenbar lange Zeit. Er wusste nicht, dass es auf der Erde so viel Zeit gibt. Er hatte früher meist überhaupt keine Zeit. Und jetzt? Jetzt hat sie sich ihm einfach aufgedrängt, Tag für Tag, im Übermaß und ungefragt. Wohl schon an die paar tausend Tage lang. 

Mit jedem Atemzug zieht Hugo ein kleines Stücklein vor und zurück und lebt weiter, ohne wirklich voranzukommen. Stillstand? Es gibt fast keine Wandlung mehr. Keine gefüllten Kisten zum Umziehen. Keinen Arbeitskittel, keinen öffentlichen Verkehr, keinen Ausgang, keine Freunde und kein rauschendes Fest. Es gibt weder eine alte noch eine neue Umgebung. Es gibt nur Hugo und seine Atemzüge. 

Wozu das alles? Hugos Frage wartet auf Antworten, die er gar nicht wollte. Wieder einatmen, ausatmen. Werden wir nicht alle irgendwann  aufbrechen müssen, um zurückzulassen, was sich nicht mehr einpacken lässt? 

Hugo verschränkt die Arme hinter dem Kopf und stützt sie auf den Kissen ab. So kann er sich aufrecht halten, auch im Liegen. Seit kurzem hat sich Hugo nämlich etwas ausgedacht: Hugo malt sich ein neues Paradies. Weil dies unglaublich schwierig ist und auch ganz schön Angst macht, hat Hugo beschlossen, dass er nebst den Atemzügen auch Mut sammeln wird. Und nicht nur Mut, sondern auch Farben, und an besonders guten Tagen sogar Geräusche, Gerüche. Und Worte, um alles zu beschreiben. Früher hat er ja auch mehrere Dinge gesammelt, warum denn nicht auch jetzt? 

Und ja, er sammelt tatsächlich am allerliebsten Mut für sein Paradies, noch viel lieber als die Atemzüge! Denn Mut sammeln ist etwas ganz Besonderes. Hugo sammelt ihn im Bett liegend für das Aufstehen, oder auf dem Sofa liegend, auch für das Aufstehen. Mehrere Stunden lang, manchmal Tage, oder auch Wochen. 

Hugo sammelt jede Art von Mut, die ihm einfällt. Sozusagen kistenweise Mut. Er untersucht den Mut von allen Seiten, wickelt ihn ein und aus, betrachtet ihn oft sehr, sehr lange und bringt ihn sammelgerecht in seinem Herzen unter. Damit er keinen der gesammelten Mute je wieder vergessen könnte, sortiert er sie alphabetisch. A Mut für das Aufstehen. B Mut für das Bremsen. L Mut zum Leben T Mut zum Träumen Z Mut zum Zurücklassen.

Hat Hugo genügend Mut gesammelt, kann er sich ganz aufrichten. Er möchte in seinem Paradies spazieren gehen. Hugo träumt zum Beispiel vom Spazieren im Wald.

Im seinem Wald ist es kühl, die Bäume stehen still. Raschelndes Säuseln. Können Bäume atmen? Ich lebe wie ein Baum! Hugo breitet unwillkürlich seine Arme aus. Frische Äste. Ring um Ring ein Dehnen in die Breite. Hugos Blätter knospen, Tannenspitzen duften, verströmen helles Grün. Vogelpfiff und ein Specht, der klopft. Ein Junge mit einem Hund geht vorbei. Hugo atmet ein, Gerüche, Sinn und Unsinn. Er atmet aus, Farben und Worte. Seine Fingerkuppen spinnen unsichtbare Fäden zu den Baumkronen. Flüsterndes Blätterrauschen fliesst durch seinen Kopf. Seine Gedanken fliegen so schnell wie ein fliehendes Reh.

Hugos Beine dagegen meistern einen fast unwirklichen Zeitlupengang. Der Waldweg wankt, die Erde scheint zu kleben. Die Kunst des langsamen Gehens dringt in sein Denken. Ganz, ganz sachte scrollen seine Füsse durch die Luft, einer nach dem andern. Jeder Schritt ein Anfang, kurzer schwebender Flug, bis hin zum Landen, Gleichgewicht gefunden, gekonnter Fall. Ein Heben, ein Schieben, ein Dehnen und Sehnen. Die Lupe der Langsamkeit vergrössert die Zellen, die Muskeln atmen, sie strengen sich an bis sie schreien, Sauerstoff fehlt, die Angst verlässt den Mut, und Mut verlässt die Angst und Sonnenbrille verdeckt alle Tränen. Hugo muss stehen bleiben, anhalten. Es war zuviel. Innehalten. Empfinden. Stehenbleiben. Ausgebremst. 

Hugo hat vor lauter Spazieren den Mut zum Bremsen vergessen. Dabei hat er ihn inzwischen so richtig prominent in seiner Sammlung untergebracht. Denn Bremsmut ist einer seiner exklusivsten Entdeckungen! Früher, als noch alles schnell ging, wäre er bestimmt nie auf diese Idee gekommen: wer sammelt schon Mut zum Bremsen? Bremsmut Sammeln ist nämlich besonders anstrengend.

So lebt Hugo auf dem Sofa weiter. In seinen Phantasien, in seinem Paradies. Hugo sammelt jeden Tag. Noch hat er nicht alles erlebt. Er wird allen Mut brauchen, den er finden kann. Er will mehr als sein Eilen. Er will mehr als sein Warten. Hugo will mehr auch als sein Atmen. Hugo will Mut. Noch immer Glut. Heiss wirft sein Puls einen Fuß vor den andern. M wie überhaupt Mut zum Mut. 

Hugo bremst. Hugo schlendert. Hugo flaniert. Die Aussage seines Tempos soll passen zur neuen Zeit. 

Veröffentlicht in: "Reisen im Limit", Hrsg. von Joachim Salman, Edition Limitkunst, 2025
© Valentina Dsora